Unser Lebens- und Wirtschaftsstil

Unser Lebens- und Wirtschaftsstil

Vorbemerkung: Das meiste von dem, was hier gesagt wird, wird in anderen Kapiteln nochmals in der einen oder anderen Form anklingen und dort näher ausgeführt werden. In diesem Sinne stellt es eine Art Einladung zu den folgenden Kapiteln dar.

Wir stellen fest

Wenn man den Begriff „Lebensstil“ verwendet und ihn noch dazu mit dem Wörtchen „unser“ versieht, muss man sich im klaren sein, dass es in unserer Gesellschaft auf Grund der sozialen und wirtschaftlichen Stellung sehr unterschiedliche Lebensstile gibt. So unterscheidet sich der Lebensstil der reichsten zehn Prozent gewaltig von dem der ärmsten zehn Prozent unserer Bevölkerung. Wenn wir uns also von „unserem“ Lebensstil sprechen, so ist dies nur zulässig und zutreffend für die Mittelschicht, die allerdings heut die große Mehrheit der Bevölkerung ausmacht und damit gesellschaftlich bestimmend ist. Innerhalb dieser breiten Mittelschicht gibt es durchgängige Verhaltensmuster, nach denen sich der Großteil der Menschen in ihren Lebensvollzügen und Zielsetzungen ausrichten. Der einzelne wird maßgebend von seiner sozialen Umgebung geprägt. Eine Gesellschaft funktioniert umso reibungsloser, je freiwilliger die einzelnen mitspielen. Pointiert ausgedrückt: Wenn jemand seine Unfreiheit wünscht, ist die Beherrschung vollkommen. Die Tatsache, dass Millionen Menschen die gleichen Laster haben, macht diese noch nicht zu Tugenden. In vielen Bereichen scheint diese Situation auf unsere Gesellschaft zuzutreffen. Kritische Urteilsfähigkeit, geistige und materielle Unabhängigkeit, Mitbestimmung und Partizipation, Eigenständigkeit und Individualität stehen in unserer Gesellschaft nicht an vorderster Stelle der Werthierarchie. Vielmehr wird Einfügung und Anpassungsfähigkeit, Uniformität im politischen und sozialen Verhalten, Disziplin im Arbeitsprozess, eine nicht nachlassende Orientierung auf Erwerb, Besitz und Konsum gesellschaftlich gewünscht und entsprechend durch Status honoriert. Das Industriesystem hat einen Menschentyp geschaffen, der weitgehend an die Notwendigkeit des auf Expansion ausgelegten Produktions / Kosumationsapparates angepasst ist: einen disziplinierten Arbeiter und disziplinierten Konsumenten, dessen Bedürfnis nach Individualität im Rahmen der Vermarktung Rechnung getragen wird (Stichwort Mode). So ist auch klar, dass Lebensstil und Wirtschaftssystem innigst zusammenhängen, und zwar durchaus so, dass eine wechselseitige Beeinflussung möglich ist. Gemessen am Anspruch, wie er etwa in der Werbung sichtbar wird, nämlich die Menschen „total superglücklich“ zu machen, ihr ewig-junges Leben zu einem einzigen „herrlichen Abenteuer“ zu gestalten, ist diese Art zu leben und zu wirtschaften ungeheuer ineffizient, ja sogar, wenn man es schärfer formulieren will, ein Betrug. Die steigende Zahl der Selbstmorde, der Griff nach Rauschgift und Alkohol, Jugendkriminalität, die beängstigende Zunahme psychosomatischer Erkrankungen sind ebenso unbestechliche Indikatoren für diese Entwicklung wie die immer sichtbarer werdenden Umweltschäden und über den Kopf wachsenden Müllhalden. Ein solcher Lebensstil, des „Kapitalismus en miniature“ schafft nicht nur krankmachende ständige Unzufriedenheit, er ist auf Dauer gesehen auch völlig unhaltbar, weil er im Begriffe ist, alles zu zerstören. Diese ungeheuer gefräßige Produktions/Konsumations/Destruktionsmaschinerie hat ihr eigenes Wachstum zum obersten Ziel gemacht. Zu diesem Zwecke „verwertet“ sie unaufhörlich menschliche, natürliche, biologische, ökologische, materielle wie nichtmaterielle Ressourcen, bis der Planet geplündert ist.

WIR SIND ÜBERZEUGT

Wir brauchen einen neuen Lebensstil, der, wie wir gezeigt haben, auch gleichzeitig ein neuer Wirtschaftsstil sein muss. Das ist durchaus eine Frage des Überlebens. Ein neuer Lebensstil müsste ein einfacher Lebensstil sein. Das heißt nicht zurück ins Mittelalter oder auf die Bäume. Es heißt, die Prioritäten anders setzen. Nicht das Haben entscheidet, sondern das Sein. Es gibt ein kritisches „Quantum“ des Güterkonsums. Wird es überschritten, nimmt die Qualität des Lebens ab. Einfachheit, im materiellen Bereich ermöglicht Reichtum und Fülle im geistigen, emotionellen Bereich. Ein neuer Lebensstil müsste ein maßvoller Lebensstil sein, er akzeptiert Grenzen. Wachstum ist kein Wert an sich. Das Gute soll wachsen, das Schlechte eher abnehmen. Unter diesem Gesichtspunkt kann weniger mehr sein. Ein neuer Lebensstil wird solidarisch sein, solidarischer jedenfalls und brüderlicher als wir es bisher praktiziert haben. Das Konkurrenzprinzip im kleinen wie im großen muss tendenziell überwunden werden. Es gibt eine menschlichere Art miteinander zu verkehren als den Kampf jeder gegen jeden zu praktizieren. Solidarischer Lebensstil heißt auch besondere Rücksicht auf die Schwachen, Unterprivilegierten, Randständigen. Das ist ein sehr wirksames Heilmittel gegen die oft lächerliche Aufholmentalität nach oben hin. Ein neuer Lebensstil strebt die sanfte Alternative an, was den Umgang mit der Natur und ihre technische Beherrschung betrifft. Das bedeutet die Einbindung unserer Aktivitäten in das ökologische Kreislaufprinzip, die Anwendung sanfter, umweltfreundlicher Technologien und das Umsteigen auf regenerierbare Energiequellen. Der sanfte Weg im Verhältnis des Menschen zur Natur hat seine Entsprechung im Prinzip der Gewaltlosigkeit in den sozialen und politischen Beziehungen. Ein neuer Lebensstil fördert dezentrale Strukturen, und hat zum Ziel, die einzelnen Lebensbereiche wieder überschaubar zu gestalten. Die Konzentrationsprozesse in der Wirtschaft, Hand in Hand gehend mit der Ausbildung immer mächtigerer Monopole, das Zusammenpacken der Menschen in riesige anonyme Wohnquartiere, die Vernichtung des Kleingewerbes und Kleinhandels durch Großfirmen und Supermärkte, die Zerstückelung des Lebensablaufes in Grundfunktionen, die örtlich auseinanderfallen und den Menschen zu übermäßiger Mobilität zwingen, das alles sind bestimmende Faktoren von Entfremdung. Große Einheiten mögen kurzfristig und ohne Einbeziehung der Sozialkosten rentabler sein. In jedem Fall ermöglichen sie ihren Verfügern eine größere Ausübung von Macht. In diesem Sinne ist klein nicht nur „schön“, sondern auch demokratiefördernd.

Wir sind bereit

Wir sind bereit zu einem Lebensstil, der sich nach den vorhin aufgezählten Prinzipien der Einfachheit, Selbstbegrenzung, Solidarität, Gewaltfreiheit gegenüber Natur und Mitmensch, Überschaubarkeit und Dezentralität ausrichtet. Was das konkret für uns bedeutet, versuchen wir in den folgenden Kapiteln zu beschreiben. Wir sind bereit, auf einen ständigen Zuwachs unseres Einkommens zu verzichten, wenn gleichzeitig alle Anstrengungen unternommen werden, die unteren Einkommen auf den Durchschnitt anzuheben und die oberen Einkommen zu limitieren. Wir sind bereit, dort wo wir als Berufstätige eine Einflussmöglichkeit auf den Produktionsprozess haben, darauf zu drängen, dass eine Wirtschaftsweise zum Tragen kommt, die sich nach den menschlichen Bedürfnissen und den Grenzen der natürlichen Umwelt ausrichtet und nicht nach dem Prinzip des höchstmöglichen Gewinnes. Wir sind bereit, uns aktiv an den politischen Entscheidungsprozessen zu beteiligen, weil auch die Anteilnahme an den öffentlichen Dingen zu den Kriterien eines neuen Lebensstils gehört. Wir sind bereit, auf den Erwerb von Grund und Boden aus Spekulationsgründen oder aus Gründen der Bereicherung zu verzichten, weil der Boden unvermehrbar ist und daher gemeinschaftlicher Besitz sein sollte.

Wir fordern

Es wäre paradox, einen neuen Lebensstil zu fordern, weil dieser von unten her, durch persönliche Entscheidungen entstehen und sich entwickeln muss. Vielmehr sollte unsere Art zu leben eine (Heraus-)Forderung an die Umgebung und an die politischen Instanzen sein. Fordern kann man allerdings, dass die gesellschaftlichen Mechanismen, die von bestimmten Gruppen gezielt und absichtsvoll mit dem Ziel eingesetzt werden, den heute herrschenden Lebensstil zu verewigen, ja sogar ihn noch weiter zu treiben, verändert und entschärft werden. Wir fordern, dass Ansätze für einen neuen Lebensstil, wie es sie überall in der Welt bereits gibt, viel stärker als bisher über die Medien der Öffentlichkeit bekannt gemacht werden, weil gelungene Modelle entscheidend für die Attraktivität eines alternativen Lebensstils sind Wir fordern, die Unterstützung solcher funktionierender Modelle durch die öffentlichen Stellen, weil bekanntlich die Anfangsschwierigkeiten immer am größten sind. Wir fordern von unseren politischen Repräsentanten, dass auch sie und gerade sie, einen Lebensstil entwickeln, der mit den von ihnen verkündeten Programmen und Absichtserklärungen konform geht.