Arbeitswelt – Arbeitsplatz

Arbeitswelt – Arbeitsplatz

Wir stellen fest

Wo möglichst viel möglichst schnell produziert werden soll; wo Arbeit reduziert ist auf einen (möglichst gering zu haltenden) Kostenfaktor im betriebwirtschaftlichen Kalkül; wo die Produzenten und die Verfüger über die Produktionsmittel und Produktions- entscheidungen in zwei Interessensgruppen auseinanderfallen; wo der Überblick über den Arbeitsplatz verloren gegangen ist und die Arbeit in repetetive Handgriffe zerfällt; dort wird Arbeit als Entfremdung erfahren.

Zweifellos sind bei uns durch gewerkschaftlichen Kampf und durch die Weiterentwicklung der Technik die schlimmsten Formen von Entfremdung und Ausbeutung heute überwunden. Von einer Humanisierung und Demokratisierung des Bereiches Arbeit sind wir aber noch weit entfernt. Befehlshierarchien, die nicht durch sachliche Autorität legitimiert sind, unglaubliche Unterschiede in der Entlohnung, gesundheitsschädliche, gefährliche, durch Monotonie tötende Arbeiten gibt es nach wie vor. Allerdings ist es heute leichter, die unbefriedigende Arbeitsplatzsituation durch ein vermehrtes Freizeitangebot zu kompensieren. Aber die Arbeitswelt drückt auch der Freizeit ihren Stempel auf. Da der Zwang zu unschöpferischer Tätigkeit dort die Unfähigkeit, die Freizeit schöpferisch zu gestalten. So bleiben oft nur die Flucht in den Konsum, in Alkohol oder sonstige „Vergessen-Macher“ als „Ausweg“, oder aber die konsequente Anwendung der Ellbogentechnik, die Option für die Karriere, um in den Genuss der höheren Verantwortung, des besseren Verdienstes, der stärkeren Machtausübung, der Durchsetzung eigener Interessen und Vorstellungen zu gelangen; kurz: die subjektivistische Lösung, die immer auf Kosten der anderen geht.

Da Arbeit für die meisten von uns Lohnarbeit ist, also eine Ware, die man verkaufen muss, kommt es vor, dass eine bestimmte Sorte dieser Ware auf dem Markt nicht gefragt ist. Dann sind Menschen arbeitslos. Es scheint, dass wir in eine Etappe eintreten, wo Arbeitslosigkeit eine Dauererscheinung ist.

Konnte früher der Rationalisierungsprozess durch ständige Expansion aufgehoben, ja überboten werden, so setzt heute angesichts stagnierender Absatzmärkte jeder größere Rationalisierungseffekt Arbeitskräfte frei. In Europa sind viele Millionen Menschen von dieser systemimmanenten Arbeitslosigkeit betroffen, ganz zu schweigen von den ungezählten Menschen in der 3. Welt, die von der Möglichkeit, sich durch Arbeit die Existenz zu sichern, ausgeschlossen sind.

Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes bewirkt eine zusätzliche Entsolidarisierung der abhängig Beschäftigten, fördert Gefügigkeit und Duckmäusertum. Unter dieser Generaldrohung zerbröseln Reformen, werden kritische Fragen nicht mehr gestellt, werden Atomkraftwerke und andere destruktive Produktionen durchgesetzt. Wer etwa die Frage stellt, ob gewisse Arbeiten, gewisse Produkte sinnvoll, moralisch und ethisch vertretbar sind, kann als potentieller Arbeitsplatzvernichter kriminalisiert werden.

Gerade diese Frage muss aber immer deutlicher gestellt werden, soll die Krise nicht noch weiter verschärft werden.

Wir sind überzeugt

Arbeit ist gekennzeichnet durch ihren Doppelcharakter von Notwendigkeit und Freiheit. Einerseits ist sie Mittel der Existenzsicherung und Arterhaltung des Menschen, andererseits schöpferischer Akt, in dem der Mensch sich selbst verwirklicht. Technischer, wissenschaftlicher, kultureller Fortschritt hat das Ziel, das Reich der Notwendigkeit abzubauen und zu entschärfen zugunsten der schöpferischen Seite der Arbeit. Wir sind davon überzeugt, dass jeder Mensch der in seiner Entwicklung nicht schwer deformiert wurde, von sich aus das Bedürfnis hat nach sinnvoller, kreativer Arbeit. Es ist bezeichnend für unsere Gesellschaft, wenn die Meinung vorherrscht, dass man die Menschen zur Arbeit zwingen müsse. Es könnte ja sein, dass der Fehler nicht bei den Menschen liegt, sondern bei den Arbeitsbedingungen. Entfremdete Arbeit wird ebenso wie Arbeitsentzug, als Strafe empfunden.

Ein wesentliches Element der Entfremdung liegt im arbeitsteiligen Prinzip. Es hat zwar die ungeheure Steigerung der Produktivkräfte ermöglicht, aber um den Preis des Verlustes der Identität des Produzenten mit seinem Produkt, einer Zerstückelung der Arbeit in mechanische Abläufe. Ein gewisses Maß an Arbeitsteiligkeit wird es sicher immer geben. Aber in der Tendenz sollten integrierte Arbeitsvorgänge angestrebt werden, die die Arbeit anregend und abwechslungsreich gestalten. Vor allem das Auseinanderfallen von Hand- und Kopfarbeit sollte überwunden werden, gleichzeitig mit dem verächtlichen Beigeschmack, welcher heute der Handarbeit anhaftet. Intellekt und Körperkraft, ausgestattet mit dem besten Werkzeug, sind die eigentlichen Bestandteile menschlicher Arbeit

Eine noch kaum genutzte Möglichkeit, die negativen Auswirkungen der Arbeitsteiligkeit zu vermindern, liegt im Prinzip der Rotation. Warum muss ein Maurer sein Leben lang Maurer, warum muss ein Beamter bis zu seiner Pension Beamter sein, warum ein Fließbandarbeiter bis zur Invalidität dasselbe tun? Wenn es so ist, dass es angenehme und weniger angenehme, schöpferische und weniger schöpferische Tätigkeiten gibt, warum sollten diese dann nicht solidarisch aufgeteilt werden? Möglicherweise beeinträchtigt verstärkte Rotation etwas die Hektik der Produktion, aber das muss ja nicht unbedingt ein Schaden sein. Jedenfalls wäre sie der Demokratie und dem Abbau von Machtstrukturen sicher förderlich.

In unserer Gesellschaft zählt nur jene Arbeit, die für den Markt tätig ist. Hausfrauenarbeit, Kindererziehung, Altenbetreuung, Nachbarschaftshilfe etc. scheinen nicht im Bruttosozialprodukt auf und besitzen deshalb nur einen sehr geringen Stellenwert. Andererseits erhöht aber jeder Verkehrsunfall das BSP, weil dadurch Ärzte, Mechaniker, Versicherungsbeamte und Beerdigungsinstitute Arbeit bekommen. Wichtig wäre es, den Tauschwertsektor, wo das Produkt zur Ware wird, zurückzudrängen, zugunsten des Gebrauchtwertsektor, wo die Menschen ihre Produkte und Dienstleistungen gegenseitig direkt austauschen.

Arbeitslosigkeit ist ein Strukturmerkmal unserer Wirtschaftsverfassung. Sie ist unnotwendig und beschämend. Die verfügbare und notwendige gesellschaftliche Arbeit muss solidarisch aufgeteilt werden. Aller Demagogie zum Trotz sind wir der Überzeugung, dass dies praktikabel ist. In einigen verstaatlichten Betrieben geschieht es bereits de facto. Die Steigerung der Produktivität durch Rationalisierung soll sich in einer etappenweisen  Verkürzung der Arbeitszeit ausdrücken, weil eine Expansion des Produktionsapparates wegen der Sättigung der Märkte ohnedies nicht möglich ist. Ein ähnlicher Effekt kann erzielt werden, wenn Arbeitsmöglichkeiten flexibler angeboten werden, in Form von Halbtagsstellen, Halbjahresstellen, Dienstfreistellungen etc.

Wir sind bereit

Wir sind bereit, uns auch am Arbeitsplatz als Mensch zu verhalten und den aufrechten Gang zu praktizieren. Anstatt unsere Energien in Karriere und Intrigenspiel zu vergeuden, wollen wir sie lieber zur Schaffung eines humanen Arbeitsklimas und der Lösung von Konflikten am Arbeitsplatz verwenden.

Wir sind nicht bereit, aus opportunistischen Gründen, irgendwelchen Institutionen, seien es Interessensvertretungen oder Parteien, beizutreten um berufliche Privilegien und Pfründe zu ergattern.

Wir sind bereit, auch ungeliebte, jedoch gesellschaftlich notwendige Arbeit zu übernehmen (z.B. Putzdienste), wenn ein Rotationsprinzip gewährleistet, dass diese Arbeiten einigermaßen gerecht auf alle aufgeteilt werden. Es ist beispielsweise nicht einzusehen, warum die Hausarbeit automatisch von der Frau verrichtet werden muss, obwohl sie in den seltensten Fällen der Berufswahl entspricht. Wir wollen konkrete Handlungen setzen, um die Trennung von Hand- und Kopfarbeit aufzuheben oder zu mildern, beispielsweise indem wir als Städter wieder anfangen einen Garten zu bebauen, handwerkliche Dinge selbst zu verrichten oder Nachbarn bei der Arbeit zu helfen.

Wir sind bereit zu freiwillig geleisteter Arbeit in Form von Nachbarschaftshilfe oder Gemeinwesenarbeit, weil kooperative Arbeit die Menschen in besonderem Maße miteinander verbindet und ein Gefühl des Wertes und der Schönheit von Arbeit vermitteln kann.

Wir sind bereit, uns für den systematischen Aufbau einer innerbetrieblichen Demokratie einzusetzen und für gemeinsame Ziele solidarisch einzutreten.

In diesem Sinne sind wir auch bereit, uns mit Kolleginnen und Kollegen, die ungerecht behandelt, gemaßregelt oder sonstigen Repressalien am Arbeitsplatz ausgesetzt werden, zu solidarisieren und uns nicht opportunistisch zu ducken und zu schweigen.

Wir fordern

Weil es reine Demagogie ist, zu sagen: Jeder kann Millionär werden; weil Spitzenposten oft nicht erreicht werden durch Fleiß, gediegene und saubere Arbeit, Korrektheit, sondern eher durch Beziehungen, privilegierte Herkunft, Ellbogentechnik, bisweilen sogar Brutalität und Ausbeutung anderer – oder wie das Volk zu sagen pflegt, durch Arbeit ist noch niemand reich geworden – weil die Arbeit eines Bergbauern, was die Mühe, Anstrengung und Verantwortung betrifft, sich durchaus mit der Arbeit eines Bankmanagers messen kann; deshalb halten wir es für einen Skandal, wie sehr die Einkommen bei uns auseinanderklaffen.

Wir fordern daher die Limitierung der hohen Einkommen durch Koppelung an eine gesetzlich festgelegtes Mindesteinkommen. Wie weit Höchsteinkommen und Mindesteinkommen auseinanderliegen, sollte das Volk nach einem breiten Meinungsbildungsprozess bestimmen. Gleichzeitig sollte das Mindesteinkommen soweit angehoben werden, dass es eine menschenwürdige Existenz erlaubt.

Um das Dilemma, in dem sich viele, vor allem Frauen befinden, weil sie zwischen Nur-Familienleben und Nur-Berufsleben (oder der Überlastung durch beides) entscheiden müssen, zu verringen, fordern wir die Schaffung von mehr Teilzeitarbeitsmöglichkeiten. Beispielsweise könnten Kontingente von Halbtagsarbeitsplätzen bzw. gespaltenen Arbeitsplätzen eingerichtet werden. In diesem Zusammenhang sollte auch die Möglichkeit des unbezahlten Urlaubs sozialpolitisch weiterentwickelt werden.

Weil die Produktion nicht ins Uferlose gesteigert werden kann, ist eine Verringerung der Arbeitszeit als Antwort auf den immer noch fortschreitenden Rationalisierungs- prozess die einzig sinnvolle Alternative. Die Arbeit sollte in ihrer Menge und Qualität solidarisch aufgeteilt werden. Deshalb fordern wir gerade in der jetzigen Situation, eine Senkung der Arbeitszeit durch schrittweise Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit durch Einführung von Bildungsurlauben etc. nach Maßgabe der Produktivität.

Herrschaft am Arbeitsplatz bedient sich oft der Entscheidungen hinter verschlossenen Türen, die scheinbar nicht für alle bestimmt sind, jedoch alle betreffen. Daher unsere Forderung nach einer offenen Personalpolitik, nach Mitsprache der Betroffenen bei Entscheidungen, die ihren Arbeitsbereich betreffen. Die Gehälter und Einkommen in einem Betrieb sollten offengelegt werden, weil ihre Geheimhaltung der Strategie „Teile und herrsche“ der Betriebsleitung oft entgegenkommt.

Wir fordern gesellschaftliche Freiräume, in denen mit neuen humaneren Arbeitsformen (Rotation, integrierte, demokratisch aufteilte Arbeit) experimentiert werden kann, mit dm Ziel, gesellschaftlich notwendige Arbeit so zu organisieren, dass der Mensch nicht „bei der Arbeit außer sich und nur außer der Arbeit bei sich“ ist.

Wir fordern die Aufhebung des Parteienproporzes bei der Zuteilung von Posten und wichtigen Ämtern des öffentlichen Lebens; dies zu begründen erscheint uns müßig. Im öffentlichen Dienst halten wir Titel und Amtsbezeichnungen für antiquiert und hierarchiefördernd. Man sollte damit aufhören.

Wir fordern ein Schulsystem, das körperliche, handwerkliche Arbeit mit geistiger, intellektueller Arbeit verbindet, weil nur so ein voller Mensch entstehen kann.