Konsum und Freizeit

Konsum und Freizeit

Wir stellen fest

Die wirtschaftliche Expansion vor allem der Nachkriegszeit hat in den industrialisierten Ländern des Westen zweifellos ein bisher nicht da gewesenes Wohlstands- und Konsumniveau geschaffen und materielle Not in gesellschaftliche Randschichten bzw. in die 3. Welt abgedrängt. Damit hat sich auch der gesellschaftliche Stellenwert des Konsums und der Freizeit entscheidend geändert.

Sieht man von einer kleinen privilegierten Schicht ab, diente früher die „Freizeit“ der Bevölkerung fast ausschließlich der physischen und sozialen Reproduktion (Ausrasten von der Arbeit und Kinderaufzucht), und „Konsum“ war identisch mit dem Kampf gegen Hunger und Not. Heute hat sich eine machtvolle und bestimmende Industriekultur entwickelt; eine Konsumgesellschaft in der das Verhalten der Menschen als Konsumenten gesellschaftlich dominant geworden ist. Die Lebens- und Wirtschaftsabläufe bewegen sich zwischen den beiden Polen Produktion und Konsum mit einer sich gegenseitig aufschaukelnden Tendenz. Mehr produzieren, um mehr konsumieren zu können, mehr konsumieren, damit mehr Produkte abgesetzt werden können, wobei heute der zweite Teil dieses Kreislaufes immer mehr Bedeutung erlangt. Das ganze Wirtschaftsgetriebe ist auf ein diszipliniertes Verhalten des Einzelnen als Produzent und als Konsument aufgebaut. Dieses Ziel hat de facto auch der gesellschaftliche Erziehungsprozess.

Ein eigener Industriezweig, die Kommerzwerbung, hat sich darauf verlegt, dem kaufkräftigen Konsumenten immer neue Produkte schmackhaft zu machen, neue Bedürfnisse zu wecken und um jeden Preis eines zu verhindern: Dass er einmal genug hat. Der nimmersatte Säugling, der ständig nach der Flasche schreit – auf diesem  Bewusstseinsstand will die „Bedürfnisweckungsindustrie“ den Menschen fixieren.

Ein solcher „Imperialsmus nach innen“, auf ständiger Suche nach neuen Märkten und Absatzmöglichkeiten, macht Veschleißproduktion und künstliche Veraltung zur Methode. Man tanzt nach der Pfeife des Modezaren und Autodesigners.

In der Industriegesellschaft des späten Kapitalismus gibt es nur eine durchgängige Form von Kultur: die des Konsums, angetrieben vom Erwerbsdenken. Eine Beziehung zu Dingen oder auch Menschen ist nur mehr denkbar in Form von Aneignung, von in Besitz nehmen. Der Status, der zählt ist der des Besitzes. Auch die Freizeit ist zu einem Industrie- und Konsumartikel geworden. Autonome Freizeitgestaltung ist nicht gefragt, weil nicht vermarktbar.

Wir sind überzeugt

Wenn man über die Problematik des Konsums redet, sollte man sich nicht täuschen lassen: Die eigentliche Wurzel liegt in der Produktion, in der Art und Weise, wie aus welchen Motiven, unter welchen ökonomischen Gesetzen produziert wird. Einer gewinn- und überschussorientierten Produktion entspricht zwangsläufig auf der anderen Seite der Massenkonsum der Verschleiß und die Kommerzwerbung
Die Behauptung, dass jeder Konsument in seiner Entscheidung frei und souverän ist, ist eine Fiktion. Mangelnde Information, systematische Suggestion und Beein- flussung, gesellschaftliche Zwänge wie Statusdenken, aufgedrängte und eingeimpfte Werthaltung des „haben müssens“ und „Besitzens“ machen einen Großteil der Menschen bei uns immer abhängiger vom Konsumdiktat.

Wir meinen Produktion ist nur dann sinnvoll, wenn Bedarf vorhanden ist. Die Produktion von Bedarf, heute Werbung genannt, ist pervers. Deshalb muss der suggestiven Kommerzwerbung, die sich wie ein Schimmelpilz überall festzusetzen droht, entschieden begegnet werden. Denn der Konsum, wie er bei uns betrieben wird, ist Opium fürs Volk.

In einem kritischen Konsumverhalten liegt tatsächlich ein riesiges, heute noch weitgehend ungenütztes Veränderungspotential. Erst wer sich von den gröbsten Konsum- und Statuszwängen freigemacht hat, kann Energien freisetzen für ein gesellschaftliches oder soziales Engagement.

Kritischer Konsum ist einer der wichtigsten und besten Übungsfelder, um die „kleine Verweigerung“, die ein erster Schritt für eine „große Verweigerung“ sein kann, zu erlernen.


Wir sind bereit

Zu einem kritischen Konsumverhalten, bei allen Dingen, die wir kaufen und uns aneignen, fragen wir

ob wir diese tatsächlich brauchen
ob das Produkt zweckentsprechend und einfach ist
welche Auswirkungen es in Herstellung und Gebrauch auf die Umwelt hat
von wem es, wo, unter welchen Bedingungen hergestellt worden ist, wer wie viel daran verdient hat, usw.

Wenn wir auf Grund  solcher Fragen zur Überzeugung gelangen, dass ein Produkt oder eine Ware mehr Schaden als Nutzen bringt, oder der Nutzen für uns sehr zweifelhaft ist, werden wir von einem Kauf absehen und auch unsere Umgebung auf dieses Zusammenhänge aufmerksam mach. Firmen, die stark in der Rüstung oder anderer destruktiver Produktion engagiert sind, wollen wir boykottieren, soweit es uns möglich ist.

Wir sind bereit zu einem maßvollen und solidarischen Konsumverhalten. Das heißt, dass wir unser Konsumniveau nicht ständig hinaufschrauben wollen, sondern schrittweise einen Standard anstreben, der unter Berücksichtigung der ökologischen und sozialen Randbedingungen für alle Menschen möglich und erreichbar ist.

Einfacher leben heißt für uns nicht Opfer und Entbehrung, sondern mehr Freiheit für menschliche Entfaltung.

Wir sind bereit, Produkten den Vorzug zu geben, die auf Haltbarkeit und Einfachheit ausgerichtet sind, aus natürlichen Rohstoffen hergestellt werden können, auch wenn sie möglicherweise in der Anschaffung etwas teurer sind. Beispielsweise Jutetaschen statt Plastik, Kinderspielzeug aus Holz, Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten statt aus Übersee.

Wir sind nicht länger bereit, mit dem Diktat der Mode mitzugehen und den geplanten Verschleiß zu akzeptieren. Kleiner kann man auch länger tragen als eine Modesaison und Schuhe kann man auch genug haben.

Zu Weihnachten und anderen Festen, wo der Konsumzwang besonders schlimm ist, wollen wir zeigen, dass auch ohne aufwendige Geschenkartikel und ohne berstende Kühlschränke eine festliche Stimmung möglich ist.
Was das Essen und Trinken betrifft, sind wir zu einer generellen Mäßigung bereit. Den raffinierten Verlockungen der Genussmittelindustrie setzen wir einfache, gesunde, womöglich in unserer Umgebung produzierte Nahrungsmittel entgegen. Angesichts der Hungersituation in der Welt halten wir ein chronisches Überfressen schlicht für eine Schande.

Weil wir eingesehen haben, dass Millionen Tonnen Getreide für die Tierfütterung verwendet werden und dadurch den hungernden Massen in der 3.Welt abgehen – bekanntlich benötigt ein Tier für die Produktion einer Kalorie Fleisch sieben Kalorien pflanzlicher Nährstoffe – wollen wir unseren Fleischkonsum reduzieren. Vielleicht um die Hälfte unseres bisherigen Verbrauches.

Wir sind daran interessiert, dass der Kleinhandel nicht vollends von den Supermärkten verdrängt wird, weil eine dezentrale Versorgung ein wesentliches Prinzip eines neuen Wirtschaftsstils ist. Deshalb gehen wir bewusst auch in kleine Läden einkaufen, selbst wenn manche Produkte etwas teurer sind.

Wir finden es bedenklich, in welchem Ausmaß das Bedürfnis nach Freizeit und Erholung von den großen Industrien vermarktet worden ist. Deshalb wollen wir selber zeigen, mit welch geringem Aufwand Urlaub und Freizeit gestaltet werden können. Denn der größte Erholungseffekt kommt nicht aus einer passiven Konsumhaltung, sondern vielmehr durch schöpferische Aktivität. Für eine solche autonome Freizeitgestaltung gibt es unzählige Möglichkeiten.

Wir fordern

Einen wirksameren und mit größeren Kompetenzen ausgestatteten Konsumentenschutz. Die Produkte müssen alle für eine Kaufentscheidung wesentlichen Informationen enthalten, insbesondere über eventuelle gesundheits- und umweltschädigende Auswirkungen des Produktes (z.B. Abwasserbelastung bei Waschmitteln, krebserregende Stoffe in bestimmten Kunststoffen).

Wir verlangen in diesem Zusammenhang den Aufbau einer Art von Konsumentengewerkschaft, deren kritische Objektivität und Unabhängigkeit von Unternehmerinteressen durch die Konsumenten selber kontrolliert werden kann.

Wir fordern den Ausbau der bisherigen Konsumenteninformation im ORF und in den Arbeiterkammern, weil hier ein erster Ansatz für einen Konsumentenschutz gegeben ist.

Der Schlüssel zu einem veränderten, kritischen Konsumverhalten scheint uns aber in der Werbung zu lieben, wie wir das vorhin schon dargelegt haben.

Wir fordern deshalb eine gewisse Einschränkung der Kommerzwerbung und als langfristiges Ziel einen vollständigen Stop in den staatlichen Medien, weil es nicht ihre Aufgabe sein kann (auch nicht gegen gutes Geld), die Bevölkerung mit verdummenden Parolen zu füttern. Kurzfristig muss der jetzt gegenläufigen Tendenz, die Werbeblöcke noch mehr auszuweiten und amerikanische Verhältnisse zu schaffen, entschieden entgegengetreten werden.

In den privaten Medien sollte die Werbung mit hohen Gebühren belegt werden.

Werbung für objektiv schädliche Produkte (z.B. Zigaretten) ist wegen Sittenwidrigkeit zu verbieten. Ebenso Werbung, die sich gezielt an Kinder wendet (z.B. „nimm zwei“). weil diese am wehrlosesten den raffinierten Gags der Bedürfnisweckungsindustrie ausgeliefert sind.

Ebenso fordern wir, - nicht zuletzt aus Gründen des Landschaftsschutzes – ein generelles Verbot von Werbetafeln in den Ortschaften und im Freiland.

Wir halten ferner eine Gegenaufklärung zum Modediktat für nötig, weil hier in größtem Ausmaß Fremdbestimmung geschaffen wird und Ressourcen verschwendet werden. Vielfalt und Individualität brauchen nicht von Paris proklamiert werden.

Wir fordern ordnungspolitische Maßnahmen, die das kleine dezentrale Handwerk zur Erstellung dauerhafter Güter aus naturnahen Produkten vor dem völligen Aufsaugen durch die großen Konzerne schützt; ebenso raumordnungspolitische Maßnahmen zum Schutz des Kleinhandels und zur Förderung von Produzentenmärkten. (Beispielsweise keine weiteren Widmungsbewilligungen für Supermärkte und Einkaufsstädte, die geeignet sind, den Menschen vollends zum „homo consumens“ werden zu lassen).

Wir fordern strukturpolitische Maßnahmen, die der weiteren Konzentration und Monopolisierung des Handels in den Händen einiger riesiger, ungemein mächtiger Konzerketten, die meist noch dazu in ausländischer Hand sind, Einhalt zu gebieten und die dezentrale, auf begrenzte Autonomie gerichtete Versorgung der einzelnen Regionen zu fördern.