Vorwort

Vorwort

Die Buchläden sind voll mit Materialien über gesellschaftliche Alternativen, die Umweltproblematik, Ökologie und Wachstumsgrenzen. Sanfte Technik auf alternativen Lebensstil. Zahlreiche Gruppen verfassen eigene Broschüren und Texte und werben damit für ihre Ideen.

Was soll also bei einem so gesättigten Markt ein zusätzliches Papier wie dieses? Sollte man seine Energien nicht besser in konkrete Aktionen stecken als in die Produktion von bedrucktem Papier?

Sicherlich mehr Praxis täte not. Was aber den vorliegenden Text unseres Erachtens rechtfertigt, sind folgende Gesichtspunkte:

Da er als Werkstattpapier konzipiert ist, braucht er keinen Anspruch zu erheben, fertig und ausgereift zu sein; es kann und soll beliebig erweitert, ergänzt oder verändert werden. Er drängt den Leser nicht in die passive Rolle des Konsumenten, sondern fordert zur Bearbeitung auf.

Es ist ein Text von Alternativgruppen für Alternativgruppen. Er entstand in weiten Bereichen nicht auf dem grünen Tisch, sondern als Ergebnis gruppenintensiver Diskussionen und eines beginnenden Dialoges zwischen einzelnen Alternativgruppen. Er könnte für die Intensivierung eines solchen Dialoges nützlich sein, auch in der Form von Widerspruch und Kritik.

Er versucht die Breite der Palette von Alternativentwürfen einigermaßen deutlich zu machen. Dadurch kann der oft gehörte Vorwurf entkräftet werden, die Alternativbewegung interessiere sich nur für einen kleinen Sektor der gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Er ist handlungsorientiert aufgebaut und enthält einen Katalog persönlicher Bereitschaft und politischer Forderung für jeden Bereich. Er ist aber auch keine oberflächliches Kochbuch für alternativen Leben, weil die Frage nach den gesellschaftlichen Ursachen immer mitgestellt wird und Prinzipien für eine Veränderung des Bestehenden entworfen werden.

Der Text ist stark schematisch aufgebaut; dies deshalb, weil viele daran gearbeitet haben und ein Strukturrahmen notwendig war, aber auch weil sich dadurch die Griffigkeit des Textes erhöht und die weitere Diskussion in einem größeren Rahmen erleichtert wird.

Die einzelnen Textbereiche sind in vier Sektoren gegliedert, welche das Thema aus der Perspektive

  • der Analyse
  • der Ziele
  • des Handelns und
  • der politischen Forderung
    beleuchten.

Der erste Aussageblock beginnt immer mit:

„Wir stellen fest“

Es ist der Versuch einer kurzen, wegen der Kürze zwangsläufig ins pauschale gehenden Analyse des jeweiligen Problemkreises. Die Fehlentwicklung wird sichtbar gemacht. Ihre Hintergründe und Ursachen ausgeleuchtet. Sicherlich ist bereits in der Art der Kritik der eigene gesellschaftspolitische Standpunkt impliziert. Dieser wird aber im zweiten Abschnitt deutlicher herausgearbeitet.

In diesem Abschnitt, der mit

„Wir sind überzeugt“

überschrieben ist. drücken wir aus, wie wir uns eine Lösung der Probleme prinzipiell vorstellen, in welche Richtung und mit welchen Mitteln gearbeitet werden müsste. Hier wird der Entwurf für eine alternative Entwicklung in großen Linien komponiert, um dann in den beiden letzten Abschnitten konkretisierten und verfeinert zu werden.

Im dritten Abschnitt drücken wir unsere Bereitschaft aus, uns konkret und persönlich zu engagieren und mit der Veränderung, die wir wünschen, bei uns selber zu beginnen.

„Wir sind bereit“

ist der Versuch, aus den Prinzipien reale Schlüsse auf unser eigenes Leben, auf unser Verhalten zu ziehen, sie ernst zu nehmen. Die Ansprüche sollen sich dabei nicht an irgendwelchen Supermenschen orientieren, die mit dem kleinen Finger alles ganz ganz anders machen, sondern an uns selber, mit unseren Widersprüchen, Schwächen und Abhängigkeiten in vielfacher Hinsicht dem herrschenden Lebensstil verhaftet.

Nichts schwächt die Glaubwürdigkeit eines Standpunktes mehr, als wenn die politische Doktrin und der persönliche Lebensstil total auseinander klaffen.

Wir halten die Identität von Reden und Tun, von Theorie und Praxis für entscheidend wichtig und meinen, dass derjenige, welcher von anderen etwas fordert, selber mit seinem Beispiel vorangehen sollte.

Damit erteilen wir einer gewissen Denkweise und „Theorie“ eine Absage, die alles auf die Strukturen schiebt und die Gewichtung des persönlichen Verhaltens als „idealistisch“ abtut. Heute muss, vielleicht mehr denn je, die Veränderung von unten, von der Basis her beginnen, als Summe vieler einzelner Verhaltensänderungen, wobei sich die Handlungsmöglichkeiten sichtbar vom Produktions- in den Reproduktionsbereich (Wohnen, Freizeit usw.) verschieben.

Gleichzeitig ist uns aber sehr bewusst, dass persönliches Verhalten allein noch lange keine falschen Strukturen ändert, keine Fehlentwicklungen aufhalten kann.
Erst die Einheit von persönlicher Bereitschaft und politischer Forderung kann unserer Überzeugung nach jene gesellschaftliche Sprengkraft erzeugen, die notwendig ist, um den verhärteten „Status-quo-Zement“ aufzubrechen.

„Wir fordern“

lautet deshalb die Überschrift des vierten und letzten Abschnittes.
Dieses Forderungsprogramm ist somit Ausdruck unserer Politik, unserer politischen Zielvorstellungen.

Wir haben uns nach ausführlicher Diskussion auf 10 Bereiche festgelegt, die uns einerseits gesellschaftlich relevant erschienen und andererseits konkrete Handlungs- möglichkeiten bieten.

Es sind dies die Bereiche

  • Lebens- und Wirtschaftsstil
  • Konsumverhalten, Freizeit
  • Arbeitswelt, Arbeitsplatz
  • Wohnen, Zusammenleben
  • Auto & Verkehr
  • Energie
  • Ernährung, Gesundheit
  • Bildung, Erziehung
  • Umwelt, Ressourcen
  • Solidarität, 3.Welt, Menschenrechte

Uns ist klar, dass damit keineswegs die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit abgedeckt ist. Es war aber auch nie daran gedacht, ein lückenloses Programm zu erarbeiten. Möglicherweise ergeben sich in der weiteren Diskussion noch zusätzliche Bereiche (Gewalttätigkeit/Militarismus, Demokratie, Kultur, Feminismus), die wir in einer späteren Fassung ins Thesenpapier aufnehmen wollen.